Tony Kushner

Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift

Inszenierung: Burkhard C. Kosminski
Bühne: Florian Etti
Kostüme: Ute Lindenberg
Musik: Hans Platzgumer
Licht: Nicole Berry
Dramaturgie:
Ingoh Brux

Deutschsprachige Erstaufführung

Premiere am 21. 01. 2012
Nationaltheater Mannheim

Besetzung:
Pill: Klaus Rodewald
Eli: Martin Aselmann
Paul: Thomas Meinhardt
Empty: Irene Kugler
Vic: Tim Egloff
Gus: Edgar M. Böhlke
Clio: Elke Twiesselmann
Maeve: Ragna Pitoll
Sooze: Michaela Klamminger
Adam: Jacques Malan
Michelle: Anke Schubert

 

 


Pressestimmen:



Im Kirschgarten der Backsteinhäuser von Brooklyn
J Gus ist ein Held der Arbeiterklasse. Sein Leben hat er der Kommunistischen Partei verschrieben, der Gewerkschaft und den Arbeitern, für deren Interessen er - selber jahrzehntelang Malocher in den Docks von New York - so unermüdlich wie erfolgreich gestritten hat. Aber wie ein Bilderbuchprolet sieht der Klassenkampfveteran trotzdem nicht aus. Keine Jeans, kein Baumwollhemd, stattdessen ein grauer Anzug mit weißem Einstecktuch und eine dunkelblaue Krawatte mit goldener Nadel: Gus, den Edgar M. Böhlke mit patriarchalischer Größe ausstattet, punktet sichtbar mit der Eleganz marxistischen Adels und - hörbar - mit der Eleganz marxistischer Theorie.
Diese intellektuelle Statur braucht er auch, um im neuen Stück von Tony Kushner zu bestehen. Denn darin wird wirklich viel geredet. Um genau zu sein: es wird, von zwei angedeuteten Bettszenen abgesehen, gar nichts anderes gemacht als klug geredet, gestritten und gekeift, diskutiert, räsoniert und philosophiert. Schon der Titel gibt ja eine Ahnung von der Wortgewalt, die tsunamiartig über das Brooklyner Backsteinhaus von Gus hereinbricht: "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu
Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift", heißt das Drama, dessen Titel ironisch mit einem Essay von George Bernard Shaw spielt - und wenn man diese Titelei eindampft auf ihre Essenz, bleibt genau jene Trias von Themen übrig, mit der sich Kushner seit je am liebsten beschäftigt: Sex, Politik und Religion.
Dass er diese Themen plausibel miteinander zu verbinden weiß, in ausgreifenden panoramatischen Stücken, hat der 1956 in New York geborene Kushner schon in den'neunziger Jahren bewiesen. ,,Angels in America" brachte ihm damals auch in Deutschland den Durchbruch. Das thematische Motiv darin: Aids – und wie es Amerika durchschüttelt, seine Mythen, seine Normen. Kaum weniger enzyklopädisch fällt nun auch der "Intelligente Ratgeber" aus, der jetzt in Mannheim seine deutschsprachige Erstaufführung erlebt hat.
Regie führt der im Umgang mit Novitäten erfahrene Burkhard C. Kosminski. Hätte er das auch personell breit konzipierte Schauspiel anders als behutsam aufgeführt, mit drastischen Bildern und Einfällen, wäre es eine Überraschung gewesen. Kosminski aber bleibt seinem Stil treu und gibt Kushner, was Kushner ist - und in aller Werktreue spendiert er auch dem tadellos gekleideten Gus Marcantonio an die Widersprüche, die dessen Leben geprägt haben und noch immer prägen: Vor einem
Jahr schon wöllte der Kämpfer & Denker freiwillig aus dem Leben scheiden, im festen Glauben, dass sich der Tod "anfühlt wie die Zukunft, wie der Beginn der Revolution". Den damals leider vereitelten Befreiungsakt will er jetzt nachholen - zum Entsetzen der Kinder, die sich eben deshalb im Elternhaus in Brooklyn versammeln.
Mit der Sitzung des Familienrats startet das analytische Stück - analytisch, weil sich
aus dem kunstvoll arrangierten Gequassel der Marcantonios nach und nach einzelne Lebensgeschichten schälen. Grell leuchten sie auf im weiten Schwarz der Bühne, auf  der nur ein Tisch und eine Handvoll Stühle stehen: die Sexsucht des schwulen Sohnes; die kaputte Ehe der lesbisch gewordenen Tochter, deren Partnerin schwanger ist; das Aufbegehren des jüngsten Sohnes, von dem, aktiv beischlafend, der Samen für die Lesbierin stammt. Vielfach ineinander verstrickt sind die Schicksale; die freilich alle eingebettet sind in die Geschichte des anderen, des anarchisch- linksradikalen Amerikas: Nicht nur Gus, auch dessen von Elke Twiesselmann  resolut verkörperte Schwester Clio warf sich einst - als maoistische Nonne - in die revolutionäre Schlacht.
Was in der Nacherzählung wie eine schlimme Kolportage klingt, wird auf der. Mannheimer Bühne zum Glück etwas ganz anderes. Kushner spielt in seinem "Ratgeber" mehrfach auf Tschechows "Kirschgarten" an - und die Ernsthaftigkeit, mit der das Ensemble hier agiert, lässt diesen kühnen Vergleich gar nicht so abwegig erscheinen. Der Amerikaner tut es dem Russen nach: Virtuos verdichtet in einem Familiendrama, breitet Tony Kushner vor unseren erstaunten Augen ein Kompendium brennender Gegenwartsfragen aus.
(Stuttgarter Zeitung)

 

Der Patriarch will nicht mehr. Gus hat schon bessere Zeiten
gesehen, wie die Kommunistische Partei Amerikas, der er seit
Jahrzehnten angehört: Alzheimer habe er, lässt er seine drei
Kinder wissen, als die einer Einladung des ehemaligen
Hafenarbeiters folgen, um gemeinsam über den geplanten
Selbstmord des Vaters zu beraten. Schließlich hat nicht nur die
Partei, sondern auch das Kollektiv immer recht. Selbst wenn
sich dessen Schwarmintelligenz in Grenzen hält: Alle Mitglieder
dieses Familienrats haben genug mit sich selbst zu tun, sind
verstrickt in private Katastrophen und ephemere
Leidenschaften.
Das Geistige im Realen
Wenn Tony Kushner für sein Stück .Ratqeber für den
intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus
mit Schlüssel zur Heiligen Schrift" diese Ausgangslage wählt,
dann nicht, um mittels Übertreibung eine Gesellschaftssatire zu
zeichnen: Der Pulitzer-Preisträger geht nicht vom Ideellen aus,
sondern sucht im Realen das Geistige abzubilden. Und wenn
Schauspielchef Burkhard Kosminski diese Vorlage jetzt als
deutsche Erstaufführung im Nationaltheater Mannheim auf die
Bühne bringt, setzt er das kongenial um. Denn diese
Bearbeitung strahlt eine ruhende Monumentalität aus.
Kosminski porträtiert blutende Seelen, die sich längst der
Selbstzerstörung verschrieben haben. Der physischen
Auslöschung geht die mentale Aushöhlung voran, und die
Kinder sind darin weiter als der Vater: Kämpfte der noch als
Gewerkschafter für die Einführung eines Garantielohns, so ist
der Nachwuchs damit ausgelastet, die eigenen
Lebensbedingungen zu verbessern und einem kindlich-fatalistischen
Einverständnis mit der Welt zu frönen. Vom
Verfall der Ideale erzählt diese Inszenierung, und das macht
sie über weite Strecken grandios.
Fulminantes Ensemble
Zur stilsicheren Regiehandschrift Kosminskis gesellt sich dabei
ein fulminantes Ensemble, aus dem Edgar M. Böhlke und Irene
Kugler herausragen. Böhlke gibt Gus als Gesinnungs-Dino,
dessen Lebensmüdigkeit einer trotzigen Verweigerung
entspringt, und Kugler verleiht Tochter Empty jene
Differenziertheit, die aus der bisweilen thesenhaften Vorlage
eine diskursive Parabel macht: Als direkte Konfrontation
inszeniert, lässt Kosminski Vater und Tochter einen
minutenlangen Dialog austragen, bei dem das Grundsätzliche
gegen das Pragmatische antritt und ein Sieger ausbleibt. Am
Ende billigt, mehr aus Gleichgültigkeit denn aus Überzeugung,
eine Mehrheit den Selbstmord. Gus stilisiert ihn, zufrieden, als
letzten revolutionären Akt. Und weiß doch, dass ihm ein
Scheitern innewohnt. Den Tod des Alten sieht man in
Mannheim dann nicht, man ahnt ihn nur. Seine Utopie ist da
schon lange begraben.
(Allgemeine Zeitung Mainz)

 

Familienbande als Menschheitsdrama
In Zeiten der Krise und der Retromania in der Kunst ist er wieder da, Charlie Marx. Wir stellen erstaunt fest, wie recht er doch hat: Geschichte ereignet sich zweimal, einmal als Tragödie und danach als Farce. Aber man muss die Farce gar nicht auf Teufel komm raus auf die Bühne bringen. Der amerikanische Autor Tony Kushner zeigt es. Sein  Diskussionstheater im Stil von "Tod eines Handlungsreisenden" und "Wer hat Angst vor Virginia Woolf", immer hart am Rande des Realen, schließt Surreales ein. Das Leben spielt die beste Farce inmitten der Alltagsdramen unserer Zeit.
"Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift" ist der sperrige  Titel, unter dem sein Stück deutsche Erstaufführung am Mannheimer Nationaltheater hat. Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski setzt in dieser Spielzeit auf Import aus den USA und Großbritannien. Es gibt gleich fünf Erstaufführungen aus dem Englischen. Antwortet Kosminski damit auf das Unbehagen des Publikums gegenüber dem Mannheimer Mut zu Uraufführungen junger deutscher Autoren, die nicht immer was zu erzählen haben?
Ob Kushner Marxist ist, sei dahingestellt. Der schwule Autor macht Ideentheater, verhandelt im Disput seiner Protagonisten individuelle und gesellschaftliche Moral und deren immerwährendes Scheitern. Vielleicht versteht er sich als Nachfolger George Bernard Shaws, dessen Schrift "Wegweiser für die intelligente Frau zum Sozialismus und Kapitalismus" ihm Folie für sein aktuelles Stück ist, plus christlich-esoterische Heilslehre Mary Baker Eddys, "Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zu Heiligen Schrift". Große Ideologien, von Kushner heruntergebrochen aufs Menschlich-allzu-Menschliche im Mustopf aller Gemeinschaften, der Familie.

Kosminski geht in seinem Regiekonzept ganz auf Kushners Umgang mit ideengeschichtlichem Menschheitsgepäck ein: Klar, konsequent setzt er auf die Faszination der Sprache, macht keinen Firlefanz auf der kargen Drehbühne mit abstrakt-wuchtigem Balkenelement als Raumstruktur (Florian Etti). Sprache lebendig zu machen, ihr Resonanzkörper in den Rollen zu geben, macht die Geschichte, die Kushner und der Regisseur erzählen, so beeindruckend. Alle Schauspielerinnen und Schauspieler haben diese Herausforderung begriffen und liefern Großartiges ab.
Kushner exemplifiziert Familienbande im bitteren Wortsinn. Boss ist Gus (Edgar M. Böhlke), in die Jahre gekommener, kommunistischer Ex-Gewerkschafter der Hafenarbeiter. Er schwadroniert von seinem größten, erstreikten Erfolg, einer Tarifregelung, die allerdings nur ihm und wenigen eine Freistellung mit voller Bezahlung bis zur Verrentung gebracht hat. Der existentiellen Sorgen ledig, übersetzt er Horaz, leistet sich den Luxus, Lebensbilanz zu ziehen. Unterm Strich: Es lohnt sich nicht mehr. Ganz Demokrat, lädt er seine Mischpoke ein, über seinen Suizid mitzuentscheiden.
Eine Chaostruppe versammelt sich im Haus des Patriarchen. Sohn Pill (Klaus Rodewald) erscheint mit Homoehemann Paul (Thomas Meinhardt) und hat noch den Stricher Eli (Martin Aselmann) an der Backe. Zudem trägt er das Geld seiner Schwester Empty (Irene Kugler), das eigentlich für die künstliche Befruchtung ihrer lesbischen Freundin Maeve (Ragna Pitkoll) vorgesehen war. Der Samenspender musste aber nicht mehr bezahlt werden. Den notwendigen Akt besorgte Vic (Tim Eglhoff), der Bruder von Empty, ganz konventionell. Darüber ist sein Weib Sooze (Michaela Klamminger) nur noch amüsiert. Mit von der Partie ist Emptys Ex Adam (Jacques Malan), der es zur Enttäuschung von Maeve immer noch gelegentlich mit Empty treibt. Außerdem geistert Tante Clio (Elke Twiesselmann), dereinst Nonne und Maoistin, mit starken Sprüchen durch die bizarre Familienszenerie, nebst der Suizid-Helferin Michelle (Anke Schubert). Alle sind auf Selbstverwirklichungstrip, bleiben  aber Gefangene ihrer Ängste, ihrer Egoismen, Lüste und ihres Sehnens nach Liebe.Selbstentfremdung und Isolation pur. Kleinbürgerlich jammert Gus: "Ich bin allein in meinem Gefängnis." Da lässt auch Lenin keine Morgenröte mehr für die Arbeiterklasse aufgehen. Empty zitiert ihn vergeblich: "Fang wieder beim Anfang an. Denke neu." Der Tod als letzter Akt der Befreiung. Die Revolution frisst ihre Kinder. Im Zerrspiegel der Ideologien ein nur noch groteskes Bild.
Pills Offenbarungseid gilt für alle: "Ich wusste nie, wie man lebt, ohne etwas kaputt zu machen." Noch in der Kapitulation stilisiert sich Gus als Held, schafft es aber nicht zu mehr als einem Don Quijote seiner aus der Zeit gefallenen Ideale: "Nicht mein Tod ist meine Verzweiflung, sondern mein Leben."
So einen Ideologiemix von Thesen und Antithesen im Illusionstheater hält man heute für nicht mehr spielbar. Kosminski beweist das Gegenteil. Er kommt auch ohne Anleihen bei Brechts epischem Theater mit seinen Verfremdungsmanien aus. Auch in der realitätsnahen Dramatik führen sich hehre Grundsätze selbst ad absurdum, entlarven sich als leere Phrasen. Das Drama des Menschseins bewegt das Publikum. Das Respekt abnötigende Mannheimer Bühnenteam findet dafür die schwierige Balance. Man lacht über die Kleinkariertheit der Figuren. Man hat Mitleid angesichts ihrer selbst verschuldeten Unmündigkeit, der Tragödie also, die Bestandteil jeder Existenz ist.

(Nachtkritik)

 

Martina Klug hat sich die Premiere des Stücks "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift" am Nationaltheater in Mannheim angesehen: Es herrscht Endzeitstimmung auf der Bühne des Nationaltheaters. Der Vater will Selbstmord begehen und seine schräge Patchwork-Familie soll darüber abstimmen. Das Theaterstück mit dem sperrigen Titel des New Yorker Kultautors der Gay-Szene, Tony Kushner, ist mehr als nur eine Familiengeschichte.
Es wird geflucht und philosophiert: über Arbeiterklasse und Entfremdung, über selbstbestimmtes Leben und Sterben. Es ist ein anspruchsvolles Theaterstück, das uns - ganz im Sinne Brechts - einmal wieder erinnert, wie Einzelschicksal und Gesellschaft zusammenhängen. Kushner bleibt nah an den Menschen, denen wir einen Abend lang fasziniert beim Versuch zuschauen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Und das ist sehenswert.
(3sat)

 

[…] Kushner tut in diesem Theaterstück etwas, das es im Theater kaum mehr gibt. Er will in seinem "Ratgeber" - nicht nur für Homosexuelle, aber vielleicht doch nur für Intelligenzler - wirklich etwas über die Realität und die Menschen seiner Zeit wissen. Er will sie verstehen und vertraut dabei auf ihre Sätze. Die Szene, der Zeitpunkt, die Figuren mit Alter, Beruf und Herkunft, alles ist ganz genau umrissen. Die Menschen sprechen, wie Menschen in Wirklichkeit sprechen, sie sind geschwätzig und tiefgründig zugleich, sie fallen sich ins Wort und beschimpfen sich, sie sind wischiwaschi und präzise. Im Film ist das - Dialoge, Setting, Realitätsbezug- normal. Im Theater ist es Hyperrealismus. Das Stück wirkt wie eine Flaschenpost aus einer anderen Theaterepoche, sozusagen von Manhattan nach Mannheim, wo jetzt die deutsche Erstaufführung war.
Wie aber macht man das hier? […] Kosminski vertraut, neben seinem deutlichen Rhythmusgefühl, sozusagen auf jeden seiner Schauspieler im Einzelnen. […] Das Ensemble und Kosminski haben ein schwieriges Stück bewältigt.
(Frankfurter Rundschau)

 

Viel Applaus für Patchwork-Drama in Mannheim
Obszön, ernsthaft und lustig: US-Autor und Pulitzer-Preisträger Tony Kushner ist mit einem zeitgenössischen Theaterstück über das ernste Thema Selbstmord diese Mischung gelungen.
Das Stück mit dem komplizierten Titel „Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ feierte am Samstagabend am Mannheimer Nationaltheater Deutschland-Premiere. Das Publikum würdigte die Darbietung nach drei Stunden mit lautstarkem Beifall. […] sehenswert.

(Focus)

 

Der Mannheimer Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski vertraut in seiner psychologisch präzisen, den Text geduldig und jederzeit spannend ausbreitenden Inszenierung ganz diesem perfekt gebauten
Stück. Bis in kleinste Details ist die Figurenzeichnung glaubhaft, die Dialoge sind von einer Natürlichkeit, die erschreckt und manchmal lachen lässt. Denn diese schrecklichen Marcantonios mit ihren Schwächen und Unzulänglichkeiten sind ganz wunderbare Menschen, denen man länger als die
drei Stunden zuschauen möchte, welche dieser Theaterabend dauert. In dem stattlichen Ensemble mit seinen elf Rollen gibt es keinerlei Schwachpunkte, vornweg Edgar M. Böhlkes von den eigenen Ansprüchen zermürbter Gus, Klaus Rodewalds durchs Leben und die Liebe torkelnder Pill, der pragmatisch trampelige Vinnie des Tim Egloff und die stoisch ihr misslingendes Dasein abwickelnde Empty der Irene Kugler. Ein realistisches Bühnenbild braucht es da nicht. Florian Ettis mit einem riesigen Winkel angedeutetes Haus auf der Drehbühne bleibt ein abstraktes Zeichen und erzählt uns dennoch, wie flüchtig und schutzlos dieses Leben doch ist.
(Die Rheinpfalz)

 

Kräftemäßig wird von Ensemble und Regieteam hier freilich Großes geleistet.
(Mannheimer Morgen)

 

Mit seinem neuesten Wurf, der jetzt als Deutschsprachige Erstaufführung unter der Regie Burkhard C. Kosminskis im Nationaltheater Mannheim gespielt wird, knüpft Kushner an diese Thematik an.
Halb Theater-Deutschland und halb Feuilleton-Deutschland wollten sich diese Premiere nicht entgehen lassen. Die K.u.K.-Liaison von Kushner und Kosminski wirkte als Magnet, auch deshalb, weil sich Kosminski in dieser Saison einem Amerika-Schwerpunkt verodnet hat und weil er schon mit einer ganz anderen amerikanischen Familienschlacht das Mannheimer Publikum aufgerüttelt hat: mit Tracy Letts "Eine Familie". […]
Ein großer Abend, gewiss. Konzentriert gespielt und mit dem nötigen Assoziationsfreiraum veredelt. Auch lange beklatscht und anschließend ausführlich diskutiert.
(Rhein-Neckar-Zeitung)

 

[…] Pill, der schwule, sexsüchtige Sohn des alten Kommunisten Gus, schreibt seit 34 Jahren an seiner Dissertation über einen Arbeiterstreik von 1934. Mit ihrem länglichen Titel "Ratgeber für den intelligenten Homosexuellen zu Kapitalismus und Sozialismus mit Schlüssel zur Heiligen Schrift" hat Tony Kushner schon 1997 sein eigenes Lebenswerk umschrieben. Sein letztes Jahr in New York uraufgeführter "Intelligent Homosexual's Guide" ist ein Kapitel daraus: Ein Ratgeber zur Erlösung, mit Schlüssel zu den Heiligen Schriften von Marx und Lenin, unter besonderer Berücksichtigung der Rolle homosexueller Intellektueller und der Tradition des Familiendramas von Tschechow bis Eugene O'Neill und Arthur Miller. Die Familie ist Spiegel und Gegenmodell zur kapitalistischen Konkurrenz, aber was die Alten mit Hand und vor allem Kopf erarbeitet haben - Solidarität und Stolz, Wohl- und Vorruhestand -, verspielen die Jungen. Gus, der pensionierte Hafenarbeiter und alte Kommunist, der sich aus Verzweiflung über den Zerfall seiner Partei und Familie umbringen will, ist zwar keine sehr glaubwürdige Figur, aber Edgar M. Böhlke gibt dem lebensmüden Working Class Hero auf der Bühne des Mannheimer Nationaltheaters im Lehnstuhl die Würde eines König Lear. 2008 feierte der Mannheimer Schauspielchef Burkhard C. Kosminski mit "August: Osage Country" von Tracy Letts, einer ähnlich monumentalen, wenn auch intellektuell weniger ambitionierten Familiensaga, einen großen Erfolg. Bei Letts entzog sich der Patriarch der Schlammschlacht seiner schwächlichen Kinder durch Selbstmord, ehe das Stück richtig begonnen hatte. Bei Kushner lässt er eine Familienkonferenz demokratisch darüber abstimmen, ob sein Suizid in einer "hohlen Welt voll verlogener und wertloser Scheiße" eine Option ist. "Osage Country" war der schwerblütige Schwanengesang eines Südstaaten- Daddys, das neue Stück ist ein hitziger Thesenschaukampf in Brooklyn. Alle Figuren sind mehr oder weniger homosexuelle und intellektuelle Linke, die pausenlos über Gott und das "Kapital", Revolution und Psychotherapie streiten. […]
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)